„Meine Blutwerte sind gut.“
Diesen Satz hören wir Ärztinnen und Ärzte häufig. Meist wird er erleichtert gesagt, und das ist verständlich: Niemand öffnet einen Laborbefund in der Hoffnung, etwas Schlechtes zu finden. Dahinter verbirgt sich jedoch meist eine deutlich schwierigere Frage: „Bin ich also gesund?“
Und das ist nicht ganz dieselbe Frage.
Eine Laboruntersuchung kann viel über unseren Organismus sagen, aber sie kann etwas so Komplexes wie unsere Gesundheit kaum auf einer Seite zusammenfassen. Und noch weniger, wie es uns in zehn oder zwanzig Jahren gehen wird.
Was gesund sein wirklich bedeutet
Der Philosoph Hans-Georg Gadamer beschrieb in Über die Verborgenheit der Gesundheit einen Gedanken, den ich immer faszinierend fand: Gesundheit hat etwas Unsichtbares.
Wenn wir krank sind, fordert der Körper unsere Aufmerksamkeit. Schmerz nimmt Raum ein. Atemnot, Zahnschmerzen oder eine Verletzung ändern unsere Pläne. Wenn wir gesund sind, geschieht fast das Gegenteil: Wir gehen, arbeiten, reisen, trainieren, machen Pläne. Der Körper begleitet uns einfach.
Vielleicht ist das eines der Paradoxe der Gesundheit, wie in der Liebe: Oft beginnen wir sie zu schätzen, wenn wir sie zu verlieren beginnen.
In der Herz-Kreislauf-Medizin ist das besonders wichtig, denn manche Veränderungen, die unsere künftige Gesundheit prägen, entwickeln sich über Jahre, ohne Beschwerden zu verursachen. Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin, Arteriosklerose oder Diabetes im Frühstadium spürt man nicht.
Deshalb sind sich gesund fühlen und gesund sein verwandte, aber nicht identische Begriffe.
Ein Laborbefund ist eine Momentaufnahme. Unsere Gesundheit ist ein Film
Wir Ärzte brauchen Zahlen: Sie erlauben zu messen, zu vergleichen und zu entscheiden. Das Problem entsteht, wenn wir sie zu Etiketten machen, normal oder auffällig, gut oder schlecht. Die Biologie ist deutlich weniger ordentlich.
Derselbe LDL-Cholesterinwert kann sehr Unterschiedliches bedeuten, je nach Alter, Blutdruck, Rauchen, Diabetes, familiärer Vorgeschichte oder bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung.
Unser Organismus altert nicht an dem Tag, an dem eine Zahl eine Grenze überschreitet. Er altert entlang von Verläufen.
Gesundheit heißt auch, Spielraum zu haben
Denken wir an zwei 50-Jährige mit weitgehend normalen Laborwerten.
Die eine Person trainiert regelmäßig, erhält ihre Muskelmasse, steigt vier Stockwerke ohne Pause und hat eine gute Ausdauerleistungsfähigkeit. Die andere arbeitet seit Jahren im Sitzen, hat an Kraft verloren, an Bauchumfang gewonnen und den Sport längst aufgegeben.
Sie sind gleich alt und könnten viele Laborwerte teilen. Physiologisch stehen sie jedoch nicht am selben Punkt.
Hier kommt ein wichtiger Begriff der Longevity-Medizin ins Spiel: die funktionelle Reserve. Unser Organismus verfügt über mehr Kapazität, als ein normaler Tag verlangt. Diese kardiale, pulmonale, muskuläre und metabolische Reserve erlaubt es uns zu reagieren, wenn das Leben mehr fordert: eine Infektion, ein Eingriff, eine Verletzung oder schlicht die Jahre.
Die Evidenz zeigt: Am besten altert, wer funktionelle Leistungsfähigkeit bewahrt. Deshalb ist Muskelmasse so wichtig, denn sie erhält unsere Selbstständigkeit.
Das Herz altert nicht allein
Die Medizin hat sich in Fachgebiete geteilt, weil wir dadurch jedes System in großer Tiefe verstehen konnten. Unser Körper hat diese Teilung jedoch nie akzeptiert: Das Herz lebt mit Muskeln, Nieren, Gefäßen, Fettgewebe, Stoffwechsel, Schlaf und unseren Gewohnheiten zusammen.
Die kardiovaskuläre Gesundheit zu beurteilen heißt deshalb, Teile zusammenzufügen:
- Der Blutdruck, der weiterhin grundlegend ist.
- Das Lipidprofil, interpretiert nach dem individuellen Risiko.
- Erweiterte Marker wie Apolipoprotein B (ApoB) oder Lipoprotein(a), die in bestimmten Fällen zusätzliche Information geben.
- Glukose, HbA1c und Nierenfunktion.
- Taillenumfang und Körperzusammensetzung.
Und wir können eine Frage stellen, die kein Laborbefund beantwortet: Was geschieht, wenn wir dem Organismus etwas abverlangen? Die kardiorespiratorische Leistungsfähigkeit ist einer der stärksten Langzeitindikatoren für Gesundheit, die wir kennen. Nicht, weil wir alle Sportler werden müssten, sondern weil unsere Fähigkeit, Belastung zu tolerieren, ebenfalls von unserer Reserve erzählt.
Das Problem, etwas zu verhindern, das es noch nicht gibt
Hier zeigt sich eine zutiefst menschliche Schwierigkeit: Es fällt uns viel leichter, auf etwas zu reagieren, das heute geschieht, als unser Verhalten zu ändern, um etwas zu vermeiden, das vielleicht in zwanzig Jahren eintritt. Brustschmerz bekommt sofort unsere Aufmerksamkeit; ein leicht erhöhter Blutdruck über zehn Jahre deutlich weniger.
Außerdem gewöhnen wir uns an den allmählichen Verlust von Leistungsfähigkeit. Wir hören auf zu laufen. Dann meiden wir Treppen. Später nehmen wir immer den Aufzug. Selten gibt es einen bestimmten Tag, an dem wir denken: „Heute habe ich Leistungsfähigkeit verloren.“ Wir richten unser Leben einfach um das herum ein, was wir nicht mehr tun.
Vielleicht besteht eine der unsichtbarsten Aufgaben der Präventivmedizin darin, heute spürbar zu machen, was wir noch nicht fühlen können. Nicht, um in Sorge vor Krankheit zu leben, sondern um Zeit zu haben, sie zu vermeiden.
Personalisieren heißt nicht, alles zu messen
Heute können wir außerordentlich viele Variablen messen, und in den kommenden Jahren werden es sicher noch mehr sein. Aber etwas messen zu können bedeutet nicht, dass wir es messen müssen.
Eine Untersuchung sollte eine Frage beantworten und vor allem die Chance haben, eine Entscheidung zu verändern. Medizin zu personalisieren heißt, bessere Fragen zu stellen.
Danach kommen die Werkzeuge, von denen wir wissen, dass sie wirken: körperliche Aktivität, Kraft- und Ausdauertraining, nicht rauchen, ausreichend schlafen, eine gesunde Körperzusammensetzung halten, auf die Ernährung achten und Blutdruck, Lipide und Stoffwechsel kontrollieren. Und, wenn indiziert, medikamentöse Behandlung oder Nahrungsergänzung.
Nichts davon ist besonders spektakulär. Schwierig ist, früh genug anzufangen und es ein Leben lang durchzuhalten.
Was man aus der Notaufnahme sieht
Nach vielen Jahren in der Notaufnahme kenne ich die andere Seite dieser Geschichte gut. Wenn jemand mit Brustschmerz, Atemnot, einer symptomatischen Rhythmusstörung oder einer Bewusstlosigkeit kommt, sprechen wir nicht mehr über Longevity: Dann heißt es diagnostizieren, entscheiden und schnell handeln.
Bei starkem oder anhaltendem Brustschmerz sollte man nicht auf einen geplanten Termin warten, sondern sofort Hilfe suchen.
Aber wer jahrelang Krankheit gesehen hat, beginnt sich unweigerlich für etwas anderes zu interessieren: Was geschah, bevor diese Patientin, dieser Patient durch die Tür kam? Die Jahre davor. Die stillen Signale. Die Gelegenheiten, die es gab, als es noch keine Beschwerden gab.
Die Notfallmedizin arbeitet, wenn der Organismus die Stimme erhebt. Die Longevity-Medizin versucht, ihm zuzuhören, solange er noch leise spricht.
Zum Schluss
Wenn mich also jemand fragt: „Meine Blutwerte sind gut, heißt das, mein Herz ist gesund?“, lautet meine erste Antwort: Das ist eine sehr gute Nachricht. Und jetzt schauen wir uns den Rest der Geschichte an.
Denn ein gesundes Herz ist nicht einfach eines, das noch nicht krank ist. Es ist eines, das genug Reserve behält, um uns durch das Leben zu begleiten, das wir führen möchten.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beurteilung.
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